Die Sage von Tellers Häusern

Warum auch sollte eine Erzählung in unserem reichen Sagenschatz fehlen, die über den guten Geist der Berge, den Lohn festen Vertrauens und treuer Arbeit berichtet.
Fliegen dabei die Gedanken nicht zurück in jene vergangenen Tage, an denen reiche Erzgänge ausgebeutet und dieser Reichtum die Städte Karlsbad, Prag, Dresden und Freiberg entstehen und wachsen ließ oder als der Siegeszug des US-Dollars als erzgebirgische Silbermünze begann? 

Die folgenden Worte sind uns überliefert:

Um das Jahr 1570 lebte in Wiesenthal ein sehr armer, aber frommer und fleißiger Bergmann namens Teller, der in einer Grube beschäftigt war, die auf einmal keine Ausbeute mehr hatte und deshalb von seinem Besitzer, einem reichen Geizhals, nicht mehr bebaut wurde. Ebenso vergebens wie er von letzterem seinen rückständigen Lohn zu bekommen gesucht hatte, sah er sich nach neuer Arbeit um. Er hatte eine kranke Frau und drei Söhne zu Hause und hatte kein Brot für sie und mußte so alles, was er besaß, verkaufen.
So kam der Ostermorgen heran und das letzte, was noch zu Geld gemacht werden konnte, war bereits weggegeben. Da zog es ihn in die Kirche und als er traurig an deren Eingang getreten war, kam es ihm vor, als sehe er sich im Festtagsgewande, eine Stufe glänzenden Silbers auf der Schulter, an der Kanzel stehen. Er rieb sich die Augen und wendete sein Gesicht weg. Sobald er aber wieder auf den Punkt schaute, stand auch sein Doppelgänger wieder da. Er verließ die Kirche und auf dem Wege nach Hause begegnete ihm ein wohlgekleideter Unbekannter, der ihm ein großes Geldstück schenkte, als er auf Fragen hin von Tellers Not gehört hatte. Von dem Geld kaufte sich der Bergmann die notwendigen Bedürfnisse und ging heim.
Hier hatte er aber keine Ruhe, denn überall sah er das Gesicht vor sich und es kam ihm vor, als ziehe ihn sein Doppelgänger zu jener angegebenen Grube hin. Endlich konnte er dem inneren Drängen nicht mehr widerstehen. Daher kaufte er sich von dem übrig gebliebenem Geld vom Bergmeister die Erlaubnis, in der auflässigen Grube zu bauen und fing eifrig an, einzuschlagen. Allein seine Hände brachten wenig vorwärts, der Tag verfloß und er war auf kein edles Metall gestoßen. Schon war der zweite Tag halb zu Ende und er machte Anstalten, sein letztes Stücklein Brot zum Mittagsmahl zu sich zu nehmen, als aus einem Loch im Stein ein Mäuschen herauskroch und ungescheut die heruntergefallenen Brotkrumen auflas. Er ließ es ruhig gewähren, aber als es anfing, auch sein Grubenlicht anzuknabbern, warf er sein Fäustel nach dem Tierchen. Statt, daß aber die Maus davon getroffen ward, sprengte das Eisen ein Stück Gestein los. Und siehe, hinter demselben lag ein reicher Gang gediegenen Silbers. Kaum wollte Teller seinen Augen trauen und doch eilte er sofort nach Hause, um seine Familie mit der frohen Kunde zu erfreuen.
So ward er in wenigen Tagen zu einem reichen Bergwerksbesitzer. Er vergaß jedoch seine früheren Leiden nicht und blieb bis an den Tod einer der frömmsten und mildtätigsten Männer der ganzen Gegend.
Seinen drei Söhnen aber erbaute er von seinem Reichtum drei kleine Güter in einer wildromantischen Gegend zwischen Wiesenthal und Rittersgrün, die heute noch Tellerhäuser genannt werden. Sich selbst ließ er ganz so, wie er sich an jenem Ostermorgen in der Kirche gesehen hatte, im Sonntagsputze eines Häuers in Holz aushauen und dies Bild zum Andenken in jener Kirche aufstellen, wo es noch heute zu sehen ist.
(nach Köhler, Sagenbuch Nr. 362)

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